Vorschau

Vorschau

  • Sa
    15
    Sep
    2018
    So
    11
    Nov
    2018
    Kunsthaus, 3800 Interlaken

     

    le Zone, 1972, 90 x 122

    Jürg Kreienbühl (1932-2007), Die Zone, 1972, Dispersion, 90 x 122 cm, Privatbesitz

    Prendre soin-3

    Stéphane Belzère (geb. 1963): Prendre soin, Serie von ovalen Acrylbildern, alle ca. 34 x 24 cm, welche die letzten Monate des Vaters Jürg Kreienbühl im Altersheim bis zu seinem Tod 2007 dokumentieren.

    la tsf, 75 x 103

    Suzanne Lopata: Intérieur, La T.S.F., 1973, Acryl auf Holzfaserplatte, 75 x 103,5 cm

     

    Zur Ausstellung
    Der Basler Maler Jürg Kreienbühl gehört seit meiner ersten Begegnung mit dessen Werk im Aargauer Kunsthaus Aarau 1985 zu meinen Favoriten in der neueren Schweizer Malerei.
    Unbeirrt vom künstlerischen Zeitgeist und von den gerade aktuellen Strömungen bei Biennale und Documenta hat dieser Künstler ein Werk geschaffen, das in seiner Eigenständigkeit und Qualität vieles überragt, das gefeiert wird.
    Kreienbühl war ein genauer Beobachter und dokumentierte in seinen Werken mit akribischer Genauigkeit und Wahrheit seine Umgebung.
    Bewusst oder unbewusst hat Jürg Kreienbühl in seiner künstlerischen Arbeit oft auch kritisch (und politisch) Stellung bezogen und sich so eingesetzt für Minderbemittelte und Randständige und deren Dasein in einer mehr und mehr bedrohten Umwelt. Wie ein Seismograf die Erderschütterungen misst und aufzeichnet, hat Kreienbühl die «Erschütterungen» und den Zerfall in seinem Umfeld aufgenommen und zu Bildern von grosser Intensität verarbeitet.
    Mit seinen unkonventionellen Motiven erobere der Künstler neue Wirklichkeiten, die vorher nicht als kunstwürdig galten, schreibt der  Kunsthistoriker Hans-Peter Wittwer, 1998. Und weiter: Ebenso versteht Kreienbühl seinen Malstil als Protest gegen eine Avantgarde, die in seinen Augen dem Erfolg zuliebe ihre Ideale aufgegeben hat.
    Kreienbühls Arbeiten schaffen mittels ungemein dichten und wirkungsvollen Schilderungen Betroffenheit und werfen Fragen auf. Dabei vergisst Kreienbühl nie seine eigentliche Berufung – die Berufung als Künstler und Maler.
    Die Arbeiten Kreienbühls werden im Kunsthaus erstmals zusammen mit Werken seiner Frau   Suzanne Lopata und Arbeiten des Künstlers Stéphane Belzère, dem gemeinsamen Sohn, ausgestellt. Dabei zeigt sich eindrücklich, wie sich beide – Mutter und Sohn – ausgehend von der zunächst noch prägenden Malerei Jürg Kreienbühls lösen und in ihrer Malerei nach und nach eine eigene Bildsprache entwickeln.
    Ziel der Ausstellung ist die Würdigung eines wichtigen Schweizer Malers, dessen Werk in den letzten Jahren zu Unrecht etwas in Vergessenheit geraten ist, das aber in unserer Zeit von höchster Aktualität ist und nichts an Faszination verloren hat.
    Die Erweiterung der Ausstellung mit Arbeiten von Suzanne Lopata und Stéphane Belzère bietet zudem interessante Vergleichsmöglichkeiten zwischen den Werken der drei Exponenten dieser einzigartigen Künstlerfamilie.

     

    Jürg Kreienbühl (1932–2007)
    Schulen und Vorkurs für Grafik an der Allgemeinen Gewerbeschule 1950/51 und Lehre als Flachmaler in Basel. Danach freischaffender Maler.
    1956 geht er mit einem Stipendium der Stadt Basel nach Paris. Viele Jahre schlägt er sich mittellos unter schwierigsten Bedingungen durch.
    Menschen, die von der Gesellschaft ausgestossen worden sind oder von sich aus zu ihr auf Distanz bleiben, sind seine Nachbarn und werden zu Freunden oder seinen Modellen. In den 60er Jahren erste Ausstellungen, der Durchbruch gelingt 1973 mit der Ausstellung im Aargauer Kunsthaus.
    Eine breitere Anerkennung findet sein Werk, das durch seinen prätentionslosen Realismus auffällt, durch die Bearbeitung von Themen, mit denen der Künstler auf Verfall und Untergang hinweist. Kreienbühl verbindet Themen des Memento mori mit einem Zweifel an den Entscheidungen der Elite. Betroffen von der Unausweichlichkeit der Existenz, malt er zunächst Friedhofsbilder und Müllhalden, dann die am Abgrund stehenden Bewohner der Banlieu von Paris. Später wendet er sich aufgegebenen Unternehmungen vergangener Epochen und Generationen zu.
    Kreienbühl schlüpft zunehmend in die Rolle eines Chronisten von Welten, die dem Untergang geweiht sind: Die heruntergekommene Fabrik für Heiligenfiguren, zum Verschrotten bestimmte Schiffe, das ölverschmutzte Meer oder die Zerstörung der Banlieus durch die Stadterweiterung von Paris werden zu Themen, die er bearbeitet.
    Kunsthistorisches Interesse verdient sein Werk, weil der Künstler, von ganz anderen Voraussetzungen ausgehend, zu ähnlichen Ergebnissen kommt wie der in den 70er Jahren sich auch in Europa ausbreitende Fotorealismus.
    nach: Hans-Peter Wittwer, 1998 (SIKART)

     

    Suzanne Lopata (* 1932)
    wird in Paris als Tochter polnischer Einwanderer geboren. Hier besucht sie auch die Schulen und absolviert eine Ausbildung als Näherin (petite main pour la haute couture).
    1948 Besuch der Académie de la Grande Chaumière und der Académie Frochot in Paris, Zeichenkurse bei Roger Worms.
    Bis zu ihrer Heirat mit Jürg Kreienbühl lebt und arbeitet die Malerin in einem kleinen Mansardezimmer in Paris.
    1962 Umzug nach Argenteuil und später nach Cormeilles-en-Parisis, einem kleinen Ort in der nordwestlichen Banlieue von Paris.
    1963 Geburt des Sohns Stéphane.
    Die Arbeiten Suzanne Lopatas erinnert in den besten Arbeiten an das Schaffen des Schweizer Malers Adolf Dietrich (1877–1957).
    Das Werk der Künstlerin liegt stilistisch zwischen Naiver Malerei und Neuer Sachlichkeit.
    Es sind geprägt von akribisch genauer Beobachtung und einer eigenständigen, naturnahen Umsetzung der Motive, welche Suzanne Lopata in ihrer unmittelbaren, vertrauten Umgebung findet: Ihr Zimmer, das Wohnhaus mit dem idyllischen Garten, das alte Cormeilles mit der Kirche, die umliegende Landschaft.
    Suzanne Lopata lebt in Cormeilles-en-Parisis.

    Stéphane Belzère (Stéphane Kreienbühl *1963)
    Der Sohn des Künstlerpaares wird in Argenteuil geboren und wächst bis 1968 bei seinen Grosseltern väterlicherseits in Basel auf.
    1968 Rückkehr und Schulen in den Banlieues von Paris. Die Ferien verbringt Stéphane meistens in Basel.
    1985 bis 1990 absolviert er ein Studium an der Ecole Nationale Supérieure des Beaux-Arts Paris.
    Gleichzeitig arbeitet er im Atelier seiner Eltern Jürg Kreienbühl und Suzanne Lopata und hilft ihnen im Atelier und bei der Durchführung der zahlreichen Ausstellungen.
    1986 bis 1987 Militärdienst in Berlin, wo sich Der Künstler bis 2013 regelmässig aufhält und ein Atelier hat.
    Erste Arbeiten – zum Beispiel jene im Musée d‘Histoire Naturelle de Paris –, die seit 1995, entstehen, erinnern noch stark an die Malerei des Vaters. Mit seinen Reflets nocturnes, über 600 Selbstbildnisse, löst sich Stéphane Belzère in einem langen Prozess künstlerisch von seinem Vater und entwickelt seine eigene Bildwelt.
    Mit der viel beachteten Gestaltung der Kirchenfenster in der Kathedrale von Rodez (2003–2007) gelingt dem Künstler ein aussergewöhliches Werk der modernen Glasmalerei. Beginn der Tableaux longs.
    Die Malerei Belzères schwankt zwischen realistischer Figuration und Abstraktion; sie ist geprägt von längerer und intensiver Auseinandersetzung mit einem Motiv, welche zu umfassenden, seriellen Werkgruppen führt.
    Stéphane Belzère lebt und arbeitet in Paris und Basel.

     


     

     


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